Samstag, November 15, 2008

We love (en français) = Vélo'V

Um den Autoverkehr im Stadtgebiet zu reduzieren, hat Lyon im Mai 2005 damit begonnen, ein Mietfahrradsystem aufzubauen. Mittlerweile ist dieses über drei Jahre alt und die "Vélos" sind aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken.

Die Fahrräder sind mit einem praktischen Korb und (toll!) einem LED-Bremslicht ausgestattet. Seit seiner Einführung ist das System stetig gewachsen, heute spannt sich ein Netz aus 340 Mietstationen mit über 4000 Fahrrädern über Lyon und das angrenzende Villeurbanne. Zusammen mit dem Bau von Radwegen haben die Mietfahrräder zu einer wesentlichen Zunahme des Fahrradverkehr geführt - bis zu 80%, heißt es. Der klangvolle Name ist ein Wortspiel: Man denke ein wenig frankophon und spreche die englischen Worte "We love" aus. Et voilà: Vélo'V. Es hat wohl eine Weile gedauert, bis ich dahinter gekommen bin.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich an den Automaten ein Fahrrad zu leihen. Für einen Euro druckt dieser eine blaue Papierkarte mit Magnetstreifen aus, die eine Woche lang gültig ist. Bezahlt wird per EC-Karte (der in Frankreich allgegenwärtigen "Carte Bleu"), geübte Benutzer benötigen für diese Prozedur weniger als eine Minute. Es gibt auch rote Karten, die ein ganzes Jahr gültig sind, für die allerdings eine Registrierung notwendig ist. Besonders geschickt: Die Dauerkarten der Lyoner Metro können nach einer Freischaltung im Internet ebenfalls an den Velo-Automaten verwendet werden. Die Rückgabe des Fahrrads an einem beliebigen Automaten ist simpel: Das Fahrrad wird einfach in eine Halterung geschoben und bedankt sich mit einem Piepen für die rasante Fahrt.

Finanziert wird das System durch einen Deal, den Lyon mit dem - auch in Deutschland bekannten - Plakatkleber JCDecaux geschlossen hat: Dieser hat von der Stadt Werbeflächen überlassen bekommen und verpflichtete sich im Gegenzug dazu, die Fahrräder zu warten und zu vertreiben. Für den Nutzer sind die Fahrräder damit quasi umsonst: Die erste halbe Stunde ist gratis, ab dann kostet jede angefangene Stunde in Abhängigkeit der Kartenfarbe 50 Cent (rot) beziehungsweise einen Euro (blau). Da die meisten Strecken in Lyon in weniger als 20 Minuten zu bewältigen sind, fallen so keine Kosten an. Um eine schnelle Rückgabe der Fahrräder zu erreichen, steigen die Kosten für das Mietfahrrad ab eineinhalb Stunden ein bisschen. Aber auch eine lange Herbstfahrradtour hat nicht mehr gekostet als ein Stück haariger, grün-gelb-rot-schimmelnder Saint-Nectaire-Käse. Letzterer wird in Frankreich hochgelobt, ist für mich (Käseliebhaber) aber ungenießbar.

Als stolzer Besitzer eine roten Karte kann ich mir im Übrigen auf der Homepage die Länge meine Fahrstrecken ansehen. Ein Kilometerzähler an Bord protokolliert diese bis auf den Meter genau.

Die rege Annahme der Fahrräder in Lyon beweist, dass viele Menschen durchaus bereit sind, im Alltag auf das Auto in der Stadt zu verzichten. Laut Newsletter wurden seit dem Start 2005 insgesamt 38.750.000 Fahrradkilometer zurückgelegt und so die Emission von 7.700 Tonnen CO2 (die Autos auf dieser Strecke ausgestoßen hätten) vermieden.

Vielleicht sind Systeme wie Vélo'V deshalb durchaus eine Lösung für weniger Autoverkehr in den Innenstädten? In Lyon sind so außerdem 30 Arbeitsplätze entstanden - unter Anderem Mitarbeiter, die mit einem Werkzeuganhänger (natürlich per Fahrrad) von Station zu Station unterwegs sind. Paris hat seit 2007 ebenfalls ein riesiges Mietfahrradnetz mit JCDecaux aufgebaut (20.000 Fahrräder an 1.451 Automaten), in weiteren Städten Frankreichs existieren ähnliche Pläne oder Systeme im Aufbau. Brüssel, Wien, Gijón, Melbourne - die Velos aus Lyon sind kein Unikat mehr.

>>Vélo'V
>>Vélo'V Newsletter Oktober
>>Ein Artikel der Washington Post
>>JCDecaux

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